Wie wirkt sich die Isolation von Kindern und Jugendlichen auf ihre psychische Gesundheit aus? Welche Rolle spielen ältere Menschen bei der Isolierung ihrer Enkelkinder?

Wie wirkt sich die Isolation von Kindern und Jugendlichen auf ihre psychische Gesundheit aus? Welche Rolle spielen ältere Menschen bei der Isolierung ihrer Enkelkinder?

  • 30 Apr 0

30-04-2021

Die epidemische Situation im Land hat dazu geführt, dass viele Kinder isoliert zu Hause bleiben, anstatt normal zur Schule zu gehen und ihre Freunde zu treffen. Wie wirkt sich diese Situation auf ihren psychischen Zustand aus? Darüber sprach Vanessa Patoła mit unseren Psychologinnen Agnieszka Stąpor (klinische Schul- und Vorschulpsychologin) und Magdalena Rosińska (Psychologin und Spezialistin für Suchtterapie).

Vanessa Patola: Frau Agnieszka, hat die durch die COVID-19-Pandemie bedingte Notwendigkeit der Isolierung und die drastisch reduzierte Aktivität im Freien die Zahl der Kinder mit psychischen Erkrankungen erhöht?

Agnieszka Stąpor: In meiner Praxis erkenne ich, dass sich das Bild der Störungen ein wenig verändert hat. Die Probleme, mit denen Kinder kommen, haben sich verändert. Es gibt einen höheren Prozentsatz an Angststörungen, phobischen Ängsten, Ängsten um die eigene Gesundheit und um die Gesundheit der Eltern, ständige Gedanken, man könnte bald krank werden. Es gibt vermehrt Probleme beim Aufbau angemessener Beziehungen zu Lehrern/Gleichaltrigen (besonders in den jüngeren Klassenstufen), wobei die langfristige Isolation zum allgemeinen schlechten psychischen Wohlbefinden beiträgt. Untersuchungen in Großbritannien (Jia et al., 2020) zeigen, dass psychische Gesundheitsprobleme in Form von Stress, Angstzuständen und Depressionen in der Studienpopulation in den letzten Monaten deutlich zugenommen haben und traten häufiger bei jüngeren Menschen auf.

V.P.: Wie wirkt sich die Isolation auf die psychische Kondition eines Kindes aus?

A.S.: Ganz unterschiedlich. Einerseits kann man denken, dass es nur es nur schlechte Auswirkungen gibt, weil die Kinder der Gesellschaft Gleichaltriger beraubt werden, sie sind zu Hause eingesperrt. Aber manchmal hat die Isolation zu Hause paradoxerweise einen positiven Effekt. Die Eltern haben mehr Zeit für ihre Kinder, sie können mit ihnen spielen, sie haben auch mehr Zeit, um mit ihnen zu reden, ihnen nahe zu sein. Dies wiederum stärkt ihre Beziehung. Prof. Eveline Crone von der Erasmus-Universität in Rotterdam hat eine Studie namens PROSOCIAL durchgeführt. Laut den Ergebnissen der Studie nahmen die Jugendlichen während der Isolation Rücksicht auf die Bedürfnisse der anderen. Prof. Crone stellte fest, dass Kinder im Vergleich zum Zustand vor der Pandemie weniger Möglichkeiten hatten, pro-soziale Handlungen zu unternehmen, d.h. anderen zu helfen, was mit dem Zwang zur sozialen Distanzierung und dem Verbleib in der Isolation zusammenhängen kann. Die Forschungsarbeit ist noch nicht abgeschlossen, aber die ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich die Jugendlichen während der Isolation mehr als sonst bemühen, den Standpunkt anderer zu verstehen, was fachmännisch als soziale Perspektivenübernahme bezeichnet wird.

V.P.: Was ist das Schwierigste für ein Kind in der Zwangsisolation und welche Gefahren gibt es?

A.S.: Kleinkinder brauchen den Kontakt zu Gleichaltrigen. Bei Kindern und Jugendlichen entwickelt die Kameradschaft wichtige soziale Fähigkeiten. Der Lockdown hat die Kinder effektiv daran gehindert, Zeit miteinander zu verbringen – zu spielen und zu reden. Der Fernkontakt hingegen kann niemals ein persönliches Treffen ersetzen. Eltern sind nicht in der Lage, einen Freund zu ersetzen, auch wenn sie sich noch so sehr bemühen. In dieser Zeit schlagen sich Kinder mit der Übergewichtigkeit herum.

Dr. Agnes Ayton, Vorsitzende der Fakultät Essstörungen am Royal College of Psychiatrists, sagte, dass die Zahl der Menschen, die unter Essstörungen leiden, unter den Bedingungen der Isolation stark angestiegen ist. Die Zeit der Isolation und die Einschränkungen haben zu einer geringeren körperlichen Aktivität beigetragen, die mit häufigeren Essfehlern oder verstärkten schlechten Essgewohnheiten einhergeht, die bereits vor der Pandemiezeit entstanden sind. Eine weitere Gefahr ist die Sucht nach Computerbildschirmen/Online-Spielen/Apps. Einsamkeit, Angst, Unsicherheit und notgedrungenes Fernstudium tragen zur exzessiven Nutzung der neuen Technologien bei.

V.P.: Frau Magdalena, inwiefern verschlimmert die Isolation die Sucht bei Jugendlichen?

Magdalena Rosińska: Süchte sind seit Jahren ein großes soziales und gesundheitliches Problem. In Polen waren bisher die am häufigsten vorkommenden: Alkoholismus, Rauchen und Drogenabhängigkeit. Immer häufiger begegnen wir jedoch den so genannten Verhaltenssüchten wie Glücksspiel, Sex, Shopping oder neuen Technologien (Computer, Telefon). Ich befürchte, dass eine länger andauernde Pandemie solche Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen verursachen kann, was vor allem bedeutet, dass sich das bestehende Suchtproblem nach Computern, Telefonen und verschiedenen Arten von Computerspielen und -anwendungen verschärfen wird. Es ist sehr schwierig, dies zu vermeiden, da heutzutage sowohl die Bildung als auch der Kontakt mit Gleichaltrigen hauptsächlich nur über das Internet möglich ist. Heutzutage ist es für Eltern schwieriger, die sogenannte digitale Hygiene ihrer Kinder zu kontrollieren, da ihre Kinder immer eine Ausrede haben können, dass „sie ihre Hausaufgaben am Computer machen“. Und leider kommt es oft vor, dass Kinder, anstatt sich tatsächlich an schulischen Aktivitäten zu beteiligen, die Kamera und das Mikrofon ausschalten und Spiele spielen. 

V.P.: Wie können Sie Kindern helfen, diese schwierige Zeit zu überstehen?

M.R.: Indem man dem Kind das gibt, was am wertvollsten ist: Zeit und Aufmerksamkeit. Leider gibt es keine magische Lösung, die für jeden funktioniert. Wir müssen diese Zeit einfach überstehen und versuchen herauszufinden, wie wir vermeiden können, entweder das Kind oder uns selbst zu verletzen. Man muss daran erinnern, dass die übermäßige Nutzung des Internets und elektronischer Geräte nicht nur Kinder und Jugendliche betrifft, sondern auch Erwachsene, die ihren Kindern eigentlich ein Vorbild sein sollten. Deshalb sollten wir die Veränderungen zuerst bei uns selbst beginnen, denn wenn unser Kind uns den ganzen Tag mit einem Telefon in der Hand sieht, wird es dieses Verhalten reproduzieren. Im Rahmen der Entspannung, kann man einen Familienabend mit Brettspielen organisieren, die eine gute Gelegenheit für großen Spaß sind, aber auch zum Reden anregen können, anstatt am Computer zu spielen. Einfache Lösungen sind oft die effektivsten.

V.P.: Wie können Senioren ihren Nahestehenden helfen?

A.S.: Enge Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern sind eine Art Puffer, der die negativen Auswirkungen bestimmter Lebensereignisse auf die Psyche des Kindes abfedert, einschließlich der Isolation durch die Pandemie. Es sind also nicht nur Medikamente aus der Hausapotheke, welche die Enkelkinder in schwierigen Momenten unterstützen können. Das beste Medikament ist die Liebe zwischen den Großeltern und den Enkelkindern. Es wurde auch bewiesen (die Forschung von Sarah Moorman, am Boston Colllege), dass Kinder, die einen regelmäßigen Kontakt zu ihren Großeltern haben, seltener depressiv sind. Das gleiche gilt auch für Senioren, es entsteht also ein gegenseitiger Vorteil. Senioren können aufgrund ihrer Lebenserfahrung unsere Berater sein bei alltäglichen Problemen. Sie können geduldig zuhören, was sehr wichtig ist, denn junge Menschen brauchen das Gefühl, dass man ihnen zuhört und dass sie wichtig sind. Wir wissen selbst, dass Eltern mit mehreren Rollen nicht immer die Zeit haben, sich vollständig auf das Kind zu konzentrieren und zuzuhören. Peronen im Lebensabend können auch bei den Hausaufgaben helfen (natürlich in solchen Maße, wieweit sie sich erfüllt fühlen – nichts sollte erzwungen werden). Frühgeborene Menschen sind geduldig und gelassen. Deshalb lohnt es sich, Senioren zu ermutigen, aktiv am Leben ihrer Nahestehenden teilzunehmen, soweit es ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entspricht. Es wird für alle von Vorteil sein, die Jungen werden die Aufmerksamkeit von jemandem bekommen und die Älteren werden spüren, dass sie gebraucht werden. Und das Wichtigste – niemand wird einsam sein!

Wir ermutigen Sie, unsere Infoline zu nutzen, die von Montag bis Freitag von 8:00 bis 22:00 Uhr unter den folgenden Telefonnummern psychologische Unterstützung bietet: 509 456 581 oder 509 456 578.

Literatur:

  1. Magdalena Goetz: „PORADNIK. W cieniu koronawirusa – jak sobie radzić z emocjami wywołanymi pandemią?” fragment artykułu opublikowanego w Głosie Nauczycielskim nr 12 z 18 marca br.;
  2. Maria Tuchowska: „Być rodzicem w czasie kwarantanny” Librus Rodzina;
  3. Jakub Kusiorski: „Koronawirus – 7 sposobów by nie zwariować w czasie społecznej izolacji”
  4. https://cordis.europa.eu/project/id/681632/pl – Analiza kondycji psychicznej nastolatków i młodych dorosłych podczas pandemii COVID-19

   

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