Schlesische Aufstände oder polnische Aufstände in Schlesien? [Kommentar]

Schlesische Aufstände oder polnische Aufstände in Schlesien? [Kommentar]

  • 08 Apr 0

08-04-2021

In den letzten Tagen und Wochen gab es eine sehr hitzige Diskussion über die Art und Weise, wie der 100. Jahrestag des 3. schlesischen Aufstandes begangen werden sollte. Die deutsche Minderheit appellierte, dass in das Denkmal auch Menschen aufgenommen werden sollten, die während des Plebiszits oder des Kampfes ihren Willen zum Verbleib in Deutschland zum Ausdruck brachten und deshalb in diesem Konflikt ihr Leben verloren. Die harsche Reaktion des Oppelner Präsidenten, die dem Sanation- und kommunistischen Mythos eines „ewig und ausschließlich polnischen Schlesiens“ entspricht, lässt jedoch keine Illusionen zu. Er antwortet, dass er „die anderen“ niemals auf dem Denkmal ehren wird.
 
Darüber hinaus wird der provokante und bissige Ton der Erklärung dadurch unterstrichen, dass die Absicht der deutschen Minderheit, der deutschen Opfer der schlesischen Aufstände zu gedenken, mit einem angeblichen Wunsch verglichen wird, die Soldaten der Wehrmacht zu ehren, der in der unbekannten Zukunft entstehen könnte. Meiner Meinung nach macht dieser Vergleich keinen Sinn, denn der völkerrechtswidrige Angriff Nazi-Deutschlands auf Polen 1939 und die schlesischen Aufstände nach dem Ersten Weltkrieg sind Konflikte völlig anderer Art und finden in völlig anderen politischen Realitäten statt. Ich bin der Meinung, dass die heutigen Deutschen eine demokratische Nation sind, die sich der Grausamkeit und Barbarei des Überfalls auf Polen im Jahre 1939 und seiner Folgen durchaus bewusst ist.
 
Die Argumentation des Präsidenten passt in das subjektive polnische nationale Narrativ und berücksichtigt nicht alle Hintergründe der Kämpfe.
Unter dem Posten des Präsidenten konnte man neben zahlreichen Glückwünschen auch viele nationalistische und chauvinistische Zwischenrufe gegen die deutsche Minderheit finden. Es gab Appelle u.a. an Deutsche, Polen zu verlassen, denn wenn sie hier bleiben wollen, sollten sie nach polnischen Verhältnissen leben und sich nicht äußern. Es gab auch Kommentare über die Überlegenheit der „Kresowiacy“ gegenüber den schlesischen Deutschen. Es gab auch Beiträge wie „Wir werden die Soldaten der Wehrmacht nicht verherrlichen“, was einen enormen Mangel an Bildung dieser Kommentatoren zeigt, denn die Wehrmacht wurde 1935 gegründet und hat sich nicht an den Kämpfen in Schlesien beteiligt. Es beweist, dass für manche Menschen die ganze Geschichte Deutschlands nur auf die Zeit von 1939-1945 und die Herrschaft der NSDAP reduziert wird.
In den Kommentaren unter dem Beitrag des Präsidenten, in seinen Äußerungen und auch in der Stellungnahme von Herrn Janusz Kowalski in Radio Opole erscheinen sehr oft die Worte „Kampf für die historische Wahrheit“. Vielleicht lohnt es sich, ein paar historische Fakten in Bezug auf Schlesien und die Zeit der schlesischen Aufstände in Erinnerung zu rufen.
 
1️⃣ Schlesien stand unter keiner Teilung und verließ Polen bereits im 14. Jahrhundert und politisch war es damals mit Prag, Wien und Berlin verbunden, nicht mit Warschau. Während dieser 600 Jahre wurde die Bevölkerung sehr gemischt, und die tschechischen und später preußischen (und deutschen) Einflüsse führten zu einer natürlichen Germanisierung der ursprünglichen slawischen Bevölkerung. Hinzu kamen intensive Wanderungen, die dazu führten, dass sich die Menschen aus den Tiefen des Reiches sehr intensiv in Schlesien ansiedelten und u.a. zur Blüte der hiesigen Wissenschaft, Kultur und Technik führten. Die Frage nach der politischen oder nationalen Identität Schlesiens ist also keine Nullsummenfrage wie die Frage nach den geteilten Gebieten.
 
2️⃣ Wenn die Frage der Polnizität Schlesiens ( = die politische Zugehörigkeit zu Polen) so eindeutig wäre, hätte es keine Volksabstimmung gegeben – die Alliierten wollten die Bevölkerung auf demokratische Weise abstimmen lassen – wie in Schlesien, und wie in anderen umstrittenen Gebieten – Schleswig, Kärnten oder Sopron. Sogar der polnische Vorkriegsstaat selbst war sich der Komplexität der Geschichte Schlesiens und der vielschichtigen Identität seiner Bewohner bewusst, was dazu führte, dass der schlesischen Woiwodschaft (als einziger!) eine weitgehende Autonomie innerhalb der polnischen Republik gewährt wurde. Vielleicht hatten sie Angst vor weiteren Konflikten – was zeigt, wie vielfältig die Einstellung der schlesischen autochthonen Bevölkerung zu den pro-polnischen Aufständen war.
 
3️⃣ In Oppeln stimmten bei der Volksabstimmung sogar 94,8% der Bevölkerung für Deutschland (in den Oppelner Dörfern 69,5%).
 
4️⃣ Der Dritte Schlesische Aufstand brach aus, nachdem das Ergebnis der Volksabstimmung für den polnischen Staat ungünstig war – durch die Politik der vollendeten Tatsachen wollte man diese Gebiete gewaltsam an Polen angliedern (vor allem gut industrialisierte Städte, wo die polnische Option eine verheerende Niederlage erlitt).
 
Es ist nicht unsere Absicht, jemandem zu verbieten, seiner Vorfahren zu gedenken, die während der schlesischen Aufstände für Polen gestorben sind oder später von den Deutschen als Vergeltung ermordet wurden. Wir sind jedoch nicht damit einverstanden, jenen schlesischen Autochthonen die Würde zu nehmen, die während des Konflikts oder der Volksabstimmung den Willen geäußert haben, in Deutschland zu bleiben. Sie hatten jahrhundertelang in Deutschland gelebt und wollten immer noch innerhalb seiner Grenzen leben. Weil sie ein moralisches Recht dazu hatten.
In Bezug auf die Aussage von Herrn Kowalski „wir alles tun werden, um zu verhindern, dass die deutsche Minderheit in drei Jahren die Woiwodschaft regiert“, sollten wir uns daran erinnern, dass der demokratische Wille der Wähler darüber entscheiden sollte, wer die Woiwodschaft regieren soll, und nicht populistische Slogans. 
 
 
Monika Mikołajczyk, Antidotum

   

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